Landkarte - Kreis Bergstraße

Prominenter Diskussionspartner

(kar). Die Frage ist so alt wie das Schiedsrichterwesen selbst, in den vergangenen Jahren aber immer drängender geworden: Wie schafft es der Fußball, Schiedsrichter zu gewinnen - und vor allem: zu halten? Da hat der Kreisjugendausschuss Bergstraße zwei Projekte am Start, "Miteinander" und "Schiedsrichter-Ausbildung 2.0", und einen prominenten Unterstützer. Urs Meier (63), ehemaliger Fifa-Schiedsrichter, TV-Kommentator, begleitet den Versuch, den Schiedsrichterjob gerade für Jugendliche attraktiv zu machen.

Meier war jüngst auf Einladung von Kreisjugendwart Tobias Kleiner Gast bei der Videosprechstunde des Kreisjugendausschusses, und er sieht in der Schweiz die gleichen Probleme: "Wenn wir 30 Schiedsrichter ausbilden, ist nach einem Jahr die Hälfte wieder weg." Und das selbst unter Schweizer Bedingungen: Da erhalten die Referees für die Leitung eines C-Jugend-Spiels inklusive Spesen 80 Franken. In Hessen ist es ein Bruchteil - zwölf Euro plus Kilometergeld. "Was nichts kostet, ist nichts wert. Das Honorar ist auch eine Form der Wertschätzung nach dem Motto: wenig Geld, wenig Anerkennung", merkt Meier an. Geld als Motivation, Spiele zu leiten? "Ich habe nichts dagegen, wenn es einer wegen des Geldes macht. Der andere macht es, weil er zuhause nichts zu sagen hat. Das ist auch nicht der beste Grund, aber vielleicht bleibt er dabei", sagt der ehemalige Fifa-Referee. Viele Jugendliche fänden es zudem "geil", eigenständig Entscheidungen treffen zu können und eine gewisse Macht zu haben. "Aber warum finden 16-, 17-Jährige den Job erst geil und dann nicht mehr?"

Urs Meier benannte damit das Kernproblem, auf das die Projekte "Miteinander" und "Schiedsrichter-Ausbildung 2.0" Lösungen finden sollen.

Klar ist: An der Ausbildung hakt es. Sie sei zu wenig praxisorientiert, zu theorielastig, sagt Kreisjugendwart Kleiner. Es gebe Defizite. "Wir müssen als Schiedsrichter erkennen, dass wir das alleine nicht stemmen können", sagt Hessens Verbandslehrwart Andreas Schröter. Die Hilfe von Spielern, Eltern und Trainern sei nicht nur erwünscht, sondern notwendig, gerade zu Beginn einer Schiedsrichterlaufbahn.

"Man muss den jungen Schiris erklären, wie mit Kritik umzugehen ist", fordert Meier und erinnert an seine eigenen Anfänge. Er habe mit 18 Jahren begonnen, und in den ersten beiden Jahren sei jede Kritik von draußen, von Eltern oder Trainern, "direkt ins Herz" gegangen: "Das hat unglaublich weh getan." Und da setzen die Bergsträßer mit DFB-Vizepräsidentin Silke Sinning, Fair-Play-Liga-Erfinder Ralf Klohr, Hessens Jugendbildungsbeauftragter Jürgen Uhlein und Verbandslehrwart Schröter an. Wie erleichtere ich einem Schiedsrichter den Einstieg? Wie soll er ein Jugendspiel pfeifen, wie mit Erwachsenen oder protestierenden Spielern umgehen? Ziel ist, die Schiedsrichter-Ausbildung zu reformieren. Junge Unparteiische im A- und B-Jugend-Alter sollen praxisnah und nicht theorielastig auf das vorbereitet werden, was sie erwartet, damit sie Spaß an der Sache haben, sich entwickeln können - und nicht nach ein paar Spielen die Pfeife an den Nagel hängen. Ein Wochenend-Crashkurs mit kompletten A-/B-Jugend-Mannschaften und dem Schwerpunkt Schiedsrichterei als Anfang, gefolgt von Spielleitungen bei E- und D-Jugend - wo die Kicker selbst über Einwurf, Abstoß, Eckstoß entscheiden - und schließlich der Schiri-Prüfung sollen am Ende den gut ausgebildeten Schiedsrichter ergeben.

Mit einem Leibchen soll der Spielleiter als Schiedsrichter in Ausbildung erkennbar sein. "Die Erwartung von Außen ist dann niedriger", glaubt der ehemalige Kreisjugendwart Sascha Wilke. Urs Meier pflichtete ihm bei, ebenso Verbandslehrwart Schröter: "Die Menschen erkennen nur den Schiedsrichter und nicht den14 Jahre alten Jugendlichen. Wenn der aber als Anfänger gekennzeichnet ist, wird der Umgang mit ihm besser." Und es reiche ja manchmal schon, einfach den Mund zu halten.

Im September wollen die am Pilotprojekt beteiligten Kreise Bergstraße, Hersfeld-Rotenburg und Waldeck die ersten Crashkurse anbieten.

Eines noch gab Urs Meier während der 90 Videokonferenzminuten Teilnehmern auf den Weg. Bei mehreren Lehrabenden, die er in Deutschland besucht habe, waren Jung und Alt gemischt. Keine gute Idee denn. Die Jungen wollten gefördert und gefordert werden, die Alten seien eher wegen der Geselligkeit da.

 

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Eine weitere Problematik wurde bei dieser Veranstaltung deutlich. Lediglich eine vergleichsweise kleine Interessentengruppe aus Vereinen und Schiedsrichtern hatten sich zur Sprechstunde eingewählt. "Dass die Ehrenamtlichen in den Vereinen hier an diesem Thema kein großes Interesse zeigen ist auch ein Alarmsignal, über das wir und vor allem die Vereine sich zeitnah intensiv Gedanken machen müssen", sagt Tobias Kleiner. Die seit knapp einem Jahr eingeführte Sprechstunde des Kreisjugendausschusses (KJA) wird bis Saisonende ausgesetzt. Der KJA wird die Jugendleiter im Juni zur ersten Präsenzsitzung einladen und dort unter anderem das weitere Vorgehen besprechen. Die Klassenleiter sind weiterhin per Mail für Fragen und zur Beratung erreichbar.

 

 

 


"Der Schiedsrichter ist kein Freiwild"

(mk) Jugendwart Tobias Kleiner erläutert Pilotprojekt des Fußballkreises / Spielabbruch nach der dritten Beleidigung

Der Fußballkreis Bergstraße geht verstärkt gegen Beleidigungen gerade von jungen von Schiedsrichtern vor. Kreisjugendwart Tobias Kleiner und sein Vorgänger Sascha Wilke haben ein Drei-Stufen-Modell entwickelt, das ab sofort auf Kreisebene von A- bis D-Jugend angewendet wird. Vereinfacht gesagt: Wird der Unparteiische von außenstehenden Personen mit persönlichen Schmähungen verbal angegriffen, ist er angewiesen, die Partie erst zu unterbrechen und - bei wiederholten Pöbeleien - abzubrechen. Hintergrund ist der bei Jugendspielen zunehmend schärfer gewordene Ton gegenüber den Referees, gerade auch von Eltern am Spielfeldrand, mit der Folge, dass der Schiedsrichternachwuchs entnervt die Pfeife an den Nagel hängt. "Der Schiedsrichter ist kein Freiwild und der Fußballplatz kein rechtsfreier Raum", sagt Tobias Kleiner.

Herr Kleiner, Sie haben jüngst Jugendtrainern in einer virtuellen Sitzung das Drei-Stufen-Modell präsentiert und auch an Vereine und Schiedsrichter versandt. Wie waren die Reaktionen?

Bei der Unterweisung der Trainer gab es durchweg positive Rückmeldungen. Es ist offensichtlich die Erkenntnis bei den meisten angekommen, dass wir mehr für den Erhalt unserer Schiedsrichter und insbesondere Neu-Schiedsrichter tun müssen. Bei den Schiedsrichtern ist insbesondere bei den erfahrenen Kollegen eher Skepsis spürbar gewesen, was verständlich ist, wenn du über viele Jahre ohne dieses Modell womöglich problemlos durch die Spiele gekommen bist. Unser Fokus liegt auf den Jungschiedsrichtern, die immer früher mit schweren verbalen Attacken konfrontiert sind und vielleicht noch nicht ein entsprechend souveränes Auftreten erlernt haben. Da ist auch die Unterstützung der erfahrenen Schiedsrichterkameraden notwendig.

Wie sieht die Umsetzung praktisch aus?

Bei Beleidigungen durch Zuschauer und Eltern sollen die Schiedsrichter das Spiel zunächst für fünf Minuten unterbrechen. Als Handsignal soll der Schiedsrichter nach Pfiff beide Arme vor dem Gesicht kreuzen. Bei einem weiteren Zwischenfall wird das Spiel für zehn Minuten unterbrochen. Sollte der Schiedsrichter tatsächlich zum dritten Mal von außen beleidigt werden, ist das Spiel abzubrechen.

Was ist in Richtung Schiedsrichter erlaubt, und was wird sanktioniert?

Alles, was auf dem Platz für einen Spieler oder Betreuer zu einer Roten Karte führen würde, führt zu einer Unterbrechung des Spiels. Kritik an der allgemeinen Leistung sowie an einzelnen Entscheidungen ist weiter möglich wie zum Beispiel: „Was pfeifst du denn für nen Mist?" oder „So einen schlechten Schiri hatten wir lange nicht mehr!“

Entscheidend für eine spätere Bestrafung durch das Sportgericht ist ja die Identifikation des Störenfriedes. Welche Möglichkeiten hat ein Schiedsrichterfestzustellen, welche Person beleidigt hat und welchem Lager sie zuzurechnen ist?

Es ist wichtig, dass alle Beteiligten ihre Verantwortung für eine ordnungsgemäße Durchführung eines Spiels haben. Der Heimverein ist auch angehalten, nach der zweiten Unterbrechung von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen. In der Regel sind die Zuschauerzahlen auf unseren Plätzen übersichtlich. Daher ist meist auch gut zu lokalisieren, aus welcher Richtung das Fehlverhalten kommt.

Angenommen, der Täter ist erkannt, das Sportgericht verhandelt: Welche Strafen drohen wem?

Die Mitgliedschaft der schuldigen Person im Hessischen Fußball-Verband ist Voraussetzung für die Verhängung von persönlichen Strafen durch das Sportgericht. Natürlich können Vereine für das Verhalten ihrer Zuschauer belangt werden. Grundsätzlich ist der Heimverein für die Platzordnung zuständig und muss bei einem Abbruch immer mit einer Strafe rechnen.

Sie waren selbst Schiedsrichter. Hätten Sie sich dieses Modell zu Ihrer aktiven Zeit schon gewünscht?

Ich hatte selten größere Probleme auf den Plätzen, weil ich diesbezüglich ein dickes Fell habe und mich aufgrund meiner Erfahrungen als Spieler und Trainer in viele Menschen hineinfühlen konnte. Als Mediator bin ich auch besonders geschult in Sachen Kommunikation und im Umgang mit konfliktreichen Situationen. Nur dies kann man nicht voraussetzen, wobei ich einen größeren Schwerpunkt dieser Thematik in der Schiedsrichterausbildung für notwendig halte.

Wie lange wird das Drei-Stufen-Modell getestet?

Das Modell ist bereits jetzt in den Testspielen in der Anwendung in allen Jugend-Altersklassen auf Kreisebene, in welchen Schiedsrichter unseres Kreises angesetzt sind. Wir werden dieses Projekt am Ende dieser Saison erst evaluieren und dann schauen, welche Auswirkungen die Einführung hatte und ob es sich bewährt hat.

Denken Sie bereits eine Stufe weiter?

Ich hoffe, dass dieses Drei-Stufen-Modell seine Anwendung in möglichst vielen Spiel- und Altersklassen findet, am besten auch im Männerbereich, wo scheinbar auf einigen Plätzen das Recht, den Schiedsrichter zu attackieren, mit dem Eintritt mitgekauft wird. Wir müssen als Verband die rote Linie ziehen, wo wir die Durchführung von Spielen nicht mehr verantworten können, weil einzelne die allgemeingültigen gesellschaftlichen Umgangsformen nicht akzeptieren und anwenden.


SR-Förderverein mit neuem Vorstand

Sie führen den Förderverein: Nikolas Czypull, Marco Sommer und Steffen Silbermann (von links)

(kar). Das Schiedsrichterwesen im Fußballkreis Bergstraße attraktiver machen und zukunftsfähig aufstellen - das sind zwei der Ziele, die sich der Förderverein Bergsträßer Schiedsrichter e.V. zur Aufgabe gemacht hat. Zwölf Unparteiische hatten 2017 den Verein gegründet. „Förderung des Sports, insbesondere der Schiedsrichter, die Unterstützung ihrer Tätigkeit sowie die Ermöglichung von Aus- und Weiterbildung“, konkretisiert Vorsitzender Marco Sommer, selbst lange Schiedsrichter. So bietet der Verein ein praxisnahes Coaching an, unterstützt die Referees finanziell bei Lehrgängen. Auch die Pflege des Ehrenamts, die Unterstützung der Schiedsrichtergemeinschaft im Kreis oder die Ehrung verdienter und langjähriger Schiedsrichter fällt in den Aufgabenbereich des Fördervereins, bei dem Nikolas Czypull und Steffen Silbermann das Vorstandstrio komplettieren.

Zurzeit gehört die Schiedsrichtervereinigung Bergstraße zu den erfolgreichsten in ganz Hessen, mit Cristian Ballweg trägt ein Schiedsrichter des Kreises die Bergsträßer Farben bis in die Dritte Liga. „Der Förderverein unterstützt uns bei unserer Lehrarbeit, sodass wir hoffen, auch in Zukunft gut ausgebildete Unparteiische auf die Sportplätze unseres Kreises und des gesamten Hessenlands zu schicken“, so der Kreislehrwart Simon Wecht.

Der Förderverein hat derzeit über 70 Mitglieder, darunter drei Bergsträßer Fußballvereine.


Danke Schiri! Bergsträßer Referees beim Ehrungsabend in Grünberg

v.l.n.r. VSO Gerd Schugard, Carsten Seib, Heidi Siefermann-Koch, Siegfried Roth und KSO Karlheinz Dörsam

"Danke Schiri! Die Ehrungsfeier in der Sportschule Grünberg war ein voller Erfolg. 44 Kreissiegerinnen und Kreissieger wurden mit Urkunden und Präsenten bedacht. Zudem erwartete die Gäste ein festliches Buffet.", so konnte man auf der Facebookseite der Hessischen Schiedsrichter lesen.

Die Aktion Danke Schiri!, die das Ehrenamt fördern soll wird seit einigen Jahren vom Deutschen Fußballbund durchgeführt. Auch der Kreisschiedsrichterausschuss Bergstraße konnte eine Schiedsrichterin und zwei Schiedsrichter in den Kategorien weiblich, Ü50 und U50 ehren. Heidi Siefermann (SV Vorwärts Bobstadt), Siegfried Roth (SV Schönberg) und Carsten Seib (SV Affolterbach) fuhren in Begleitung von KSO Karlheinz Dörsam nach Grünberg, wo sie in der dortigen Sportschule die Kreissieger-Ehrung entgegen nahmen. Bereits beim Schiedsrichter-Lehrabend im Februar wurden die drei kreisintern geehrt.